Im Bunker wird Geschichte spürbar

Im Tiefbunker Marienplatz in Mülheim an der Ruhr mit Hans-Georg Hötger (ganz links)

Durch einen glücklichen Umstand konnte ich heute an einer der letzten Führungen teilnehmen, den der 2009 gegründete Verein Bunkerwelten Mülheim an der Ruhr veranstaltet hat. Die Führung war Teil einer Veranstaltungsreihe, die Hans-Georg Hötger, 1. Vorsitzender des Vereins, zusammen mit der WAZ anbot. Hötger, Jahrgang 1941, und seine Vereinskollegen, haben viel dafür getan, Mülheims Bunker wieder zu entdecken. Tatsächlich wurde auf ihre Nachforschungen hin mancher Luftschutzraum erst wieder in Erfahrung gebracht.

Hötger, der den Krieg als Kind erlebte und es oft nicht mehr in den Bunker schaffte, weil der Voralarm zu spät kam, wurde später Geschichtslehrer. Die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte Deutschlands liegt ihm auch als Rentner noch am Herzen. Er zitiert den spanischen Philosophen George Santayana: „Wer seine Vergangenheit nicht aufarbeitet, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.“

Hans-Georg Hötger zeigt Aufnahme von sogenannten Streuverlusten beim Bombenabwurf auf Mülheim.

Hötger kennt die Geschichte im Detail – gerade in Bezug auf seine Heimatstadt: Mülheim bot Hitler im März 1933 die Ehrenbürgerschaft an. Wir stehen im Kriegsbunker Marienplatz, als Hötger uns eine Kopie dieser Urkunde zeigt. Welch entsetzliche Fehleinschätzung. Hötgers Eltern blieben bei der SPD und hörten heimlich BBC. Das war nicht ungefährlich, denn die Nachbarn waren Nationalsozialisten. Als nach dem Krieg die Amerikaner zu jedem ins Haus kamen und mit dem Bajonett nach verbuddelten Göring- und Hitlerporträts in die Gartenerde stachen, war bei den Hötgers nichts zu finden. Der kleine Hans-Georg erhielt dafür von dem freundlichen schwarzen Soldaten einen Riegel Mackintosh-Schokolade.

Heute – 70 Jahre später – spannt Hötger den Bogen in unsere Zeit: Deutschland steht auf Platz Drei bei den Rüstungsexporten. In der unweit gelegenen Hütte entstehen Panzerketten für den Edelpanzer Leopard. Hötger spricht von der „Perfidie der Aufrüstung“, der „Zielgenauigkeit, mit der man heute Menschen tötet“. Er zeigt uns Fotos der Kampfbomber aus dem zweiten Weltkrieg. Immer noch stellen sich ihm alle Haare auf, wenn er an den „infernalischen Lärm“ ihrer Kolbenmotoren denkt. Der Bau ihrer Bunker kostete Mülheim sechs Millionen Reichsmark, von den privat gebauten Schutzräumen ganz abgesehen.

Fotos an der Bunkerwand zeigen, wie es früher unter dem Marienplatz ausgesehen hat.

Eine Mülheimerin, die an der Führung teilnimmt, erinnert sich noch sehr genau, wie ihr Vater in ihrer Straße den Bau eines privaten Bunkers organisierte. Nach Feierabend hätte man sich am Felsensteinbruch gegenüber der Brauerei Ibing getroffen und mit Hacke und Schippe gegraben und gebuddelt. Wer zuverlässig jeden Tag mithalf, bekam nachher auch einen Platz in der Mitte. Die Holzbänke waren entsprechend mit Namen versehen. Groß waren solche Bunker nicht, kaum mehr als ein Gang, teils auch unter künstlich errichteten Wällen.

Der kleinste von Mülheims Tiefbunkern, den wir heute besichtigen, lag einst unter einem sechs Meter hohen Hügel, als Geschossdämpfung noch extra aufgeschichtet. Heute ist die grüne Wiese darüber auf einer Höhe mit dem Vorplatz vor der Kirche Sankt Mariae Rosenkranz. Das Innere des Bunkers dient der Gemeinde als Stauraum für Marktstände und Bänke. Als Hötger das Licht ausschaltet und die mit phosphorisierender Farbe gestrichenen Leuchtstreifen an den Wänden zum Vorschein kommen, können die Jüngeren in der Gruppe erahnen, wie es hier damals gewesen sein muss.

Nicht mehr betretbarer, privat gebauter Hochbunker im Hinterhof eines Wohnhauses, hinten rechts hinter der Hütte der Eingang.

Der Verein Bunkerwelten Mülheim an der Ruhr hatte sich zum Ziel gesetzt, in dem besonders gut erhaltenen Hochbunker Meißelstraße ein Bunkermuseum einzurichten. Man hat bereits Stockbetten originalgetreu nachgebaut, damit der Besucher einen authentischen Eindruck erhält. Jeder, der einmal Gelegenheit hatte, eine Führung mit dem Verein Berliner Unterwelten zu machen, weiß, wie einen die Vergangenheit anpackt, wenn die Räume so aussehen wie damals. Leider hat sich der Mülheimer Kulturausschuss vor Kurzem gegen eine Unterstützung des Vorhabens ausgesprochen. Hötger ist sehr enttäuscht, dass authentische Überbleibsel deutscher Geschichte so hinter Schloss und Riegel kommen. In Dortmund ist das ja nicht anders, siehe „Dortmunds dunkles Geheimnis“.

Quo vadis Europa?

Der „Platz des Europäischen Versprechens“ ist ein Konzeptkunstwerk von Jochen Gerz, das nach jahrelanger Vorarbeit am 11.12. um 17 Uhr vor der Bochumer Christuskirche eingeweiht wurde. Der Zeitpunkt, einen Platz diesen Namens einzuweihen, konnte kaum passender sein: Erst der drohende Grexit, jetzt Flüchtlingskrise und Terroralarm. Eine harte Bewährungsprobe für Europas Selbstverständnis: Machen wir die Grenzen dicht, aber TTIP & Co. klar? Oder stoppen wir unsere Waffenexporte und tragen Verantwortung als Mitverursacher der Konflikte im Nahen Osten? Continue reading

Zwischen Mensch und Roboter

Die DASA ist mal wieder eine Reise nach Dorstfeld wert. Noch bis zum 25.9.2016 gibt es hier sehr viel Anschauungsmaterial aus dem weiten Feld Robotik. Ganz alte Industriefilme und Alltagsaufnahmen wie auch Gerätschaften werfen einen Blick zurück auf den Ausgangspunkt von Mechanisierung und Industrialisierung: Erst entwickelte der Mensch Werkzeuge und erweiterte damit seine Fähigkeiten. Diese steigerte er mit der Konstruktion von Maschinen, schließlich ganzer Maschinenanlagen – Fabriken, die ihm die ganze Arbeit abnahmen.

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Singen ohne Leistungsdruck

Uahhh! Gääähnen – mit herausgestreckter Zunge – das und wie gesund das ist, erfährt man fast jeden Donnerstagabend in den „Brummerkursen“ von Hans Werner Schneider im renovierten Souterrain des DOC-Center in der Kampstraße. „Brummen“ will sagen: Auch wenn man gar nicht singen kann – oder meint, es nicht zu können – ist man hier willkommene Mitsingerin bzw. willkommener Mitsinger.

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Science Fiction aus Dortmund

Vor ein paar Tagen habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Raumschiff betreten. Es steht noch bis zum 1.11.2015 im Dortmunder U auf der Hochschuletage. Studenten der FH-Dortmund haben es gebaut – mit Kommandobrücke, Panoramafenstern, futuristischer Technologie … allen erdenklichen Details. Es ist die außergewöhnlichste Filmkulisse, die je an der FH konstruiert wurde. Studierende aus den verschiedensten Fachbereichen haben sich hierfür zusammengetan. „Omega“ ist das Thema ihrer gemeinsamen Abschlussarbeit und der Titel eines Science-Fiction-Films, der nächstes Jahr herauskommen wird.

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Dortmunder „Foodtrucks“

Foodtrucks – in den USA fahren sie schon lange, jetzt bekommen sie in Deutschland immer mehr Nachahmer. Das auslösende Moment ihrer Verbreitung: Die mobilen Imbissbuden fahren an Orte, wo viele Menschen Hunger haben, aber keine Gastronomien in der Nähe sind. Solche Stellen gibt es nicht nur im weiträumigen Amerika. Auch bei uns existieren diese lukullischen Brachen. Continue reading

Dortmunds „Meisterwerke“

Letzte Woche baten die Dortmunder Soroptimistinnen – lokaler Club der weltweit größten Organisation berufstätiger Frauen – ihre zwei Kunsthistorikerinnen um eine Führung zu den „Meisterwerken“. Mit dabei: Dr. Rosemarie E. Pahlke, Dortmunds Referentin für Kunst im öffentlichen Raum, und Dr. Barbara Edle von Germersheim, zur Zeit tätig für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

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Gehört die Kirche abgeschafft? – Streitgespräch in der Pauluskirche

Ausnahme-Pfarrer Friedrich Laker ist es mal wieder gelungen, Gläubige und Nichtgläubige aller Richtungen in der Pauluskirche zu versammeln. Anlass bot ein Streitgespräch zwischen Deutschlands „Chef-Atheist“ Michael Schmidt-Salomon und dem bekannten Theologen Klaus-Peter Jörns. Beide standen sich sprachlich in nichts nach, auch wenn der eine dem anderen zwischenzeitlich „Gewaltausdrücke“ anlastete. Die Diskussion wurde zusammen mit der Fachhochschule Dortmund in der neuen gemeinsamen Reihe „Glaube, Bildung, Zukunft: Die Rolle der Kirche im gesellschaftlichen Diskurs“ veranstaltet.

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Radtour ins Wannebachtal

Eine nicht ganz unanstrengende Radroute führt durch ungesehene Ecken Dortmunds, bringt die ganze Vielgesichtigkeit der Stadtnatur ans Licht, um zum Ende hin – das Mountainbikerherz schlägt höher – geländegängig auszuklingen. Die Rede ist von einer Fahrradtour von Dortmunds Innenstadt hin zum Krämer in der Wanne. Das idyllisch nahe einer Autobahnbrücke gelegene Lokal – dies ist wörtlich zu nehmen :-) wurde unlängst wieder eröffnet und kredenzt neben schmackhafter Stärkung auch eine vollends renovierte Inneneinrichtung.

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Am Borsigplatz sind Chancen übrig

In „Public Residence: Die Chance“, einem künstlerischen Experiment in der Dortmunder Nordstadt, ging es um kulturelle Teilhabe und soziale Kreativität. Das Projekt endete im Mai. Die Chancen sollen erhalten bleiben.

„Das ist zynisch, dass Sie das hier machen!“ So begann ein längeres Streitgespräch, das Künstler Frank Bölter mit einem Politiker der Linken auf dem Kleinen Borsigplatz führte, hier nachzulesen. Anlass dazu bot eine eigenwillige Kunstaktion im Rahmen von „Public Residence: Die Chance“. Das Projekt basiert auf einer Kunstwährung, die an die Quartiersbewohner ausgegeben wird und echte Euros wert ist. Der Geldwert kann sich aber nur in einem gemeinschaftlichen Projekt entfalten.

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